Die Schlupfwespe – ein nützlicher Parasit im Haushalt?

Nicht erst seit der 2015 entbrannten Diskussion um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat hegen die Deutschen eine tiefsitzende Abneigung gegenüber chemischen Bioziden. Besonders im Haushalt greift man daher lieber auf natürliche Hilfsmittel zurück. Doch sind Schlupfwespen und Co der künstlichen Konkurrenz tatsächlich deutlich überlegen?

KO-Tropfen für Insekten

Um der Frage auf den Grund zu gehen, gilt es zunächst, die Wirksamkeit chemischer Insektensprays hervorzuheben. So basieren diese Produkte heutzutage in der Regel auf dem Nervengift Permethrin, das die Natrium-Aufnahme in den Nervenzellen dauerhaft unterbindet. Die gelösten Salzkristalle reichern sich somit fortwährend in den Körperzellen besprühter Insekten an und verursachen im Endstadium

  • unkontrollierbare Nervenimpulse
  • Krämpfe
  • Koordinationsstörungen
  • und schließlich Lähmungseffekte bis zum Tod

Im Vergleich dazu zeigen chemische Biozide nur eine geringe toxische Wirkung bei Warmblütern. So wurde speziell Permethrin im Rahmen der EU-Biozid-Verordnung 2014 ohne kanzerogenes bzw. genveränderndes Potential getestet. Die US-Umweltbehörde weist jedoch darauf hin, dass Insektengifte bei oraler Aufnahme möglicherweise Krebs auslösen können.

Die Anwendung chemischer Biozide im direkten Wohnbereich ist daher insbesondere in der Küche unter keinen Umständen empfehlenswert. Schließlich zersetzt sich Permethrin überwiegend infolge fortgesetzter Sonneneinstrahlung und weist selbst dann eine Halbwertszeit von mindestens 30 Tagen auf. Während dieser Zeitspanne verursacht es vor allem bei Haustieren, Kindern, Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen

  • Kopfschmerzen
  • Atembeschwerden
  • Übelkeit/Magen- und Darmbeschwerden
  • Allergische Reaktionen

Aufgrund dieser und allgemeiner umweltschädlicher Einflüsse, ist es den Herstellern der Insektensprays nach EU-Recht strikt untersagt, ihre Produkte als ungefährlich anzupreisen.

Parasiten vs. Motten – “High Noon” im Wohnzimmer

Schlupfwespen agieren demnach auf einer völlig anderen Ebene: Die kleinen parasitären Organismen legen ihre Eier bevorzugt in den bereits gelegten Eiern der Kleider- und Lebensmittelmotten ab und unterbrechen damit deren Fortpflanzungszyklen. Der Wissenschaft sind bis heute insgesamt 62.000 Arten jener nur 0,2 bis 04, mm großen Nutztiere bekannt, wenngleich lediglich 24.000 davon als eigentliche Erzwespen, die restlichen dagegen als sogenannte Schlupfwespenartige klassifiziert wurden. Neben ihrem Einsatzgebiet im Wohnzimmer werden sie auch von Hobbygärtnern als gerngesehene Gäste empfangen, um Mais, Obst und Weinreben vor dem Befall mit ungeliebten Lebensmittelmotten bzw. Schildläusen zu bewahren. Eine weitere Schlupfwespen-Gattung neigt wiederum dazu, Fruchtfliegeneier zu belegen und wird daher bevorzugt in kalifornischen Olivenhainen eingesetzt.

Der Begriff “Wespe” ist in diesem Zusammenhang dennoch etwas irreführend, da er im Allgemeinen Assoziationen mit geflügelten Plagegeistern hervorruft. Die Anatomie der Schlupfwespe ist allerdings nicht dazu geeignet, Flügelpaare oder zur Selbstverteidigung geeignete Stachel auszubilden. So lässt sich bei ihnen nur ein winziger Legestachel nachweisen. Darüber hinaus zählen Schlupfwespen zum Heer der krabbelnden Insekten und verbleiben somit während ihrer gesamten Lebensspanne in der Nähe ihres Schlupfortes.

Mikroskopisch klein und dennoch effektiv

Dem aufmerksamen Leser wird sich nun zwangsläufig die Frage stellen, wie sich freilebende Parasiten gezielt in deutsche Wohnzimmer und Küchen locken lassen. Dazu bedarf es mitnichten ausgeklügelter Jagd- und Fangstrategien, da Schlupfwespen (im Larvenstadium) im Fachhandel und auch im Netz auf kleinen Kärtchen veräußert werden. Diese lassen sich bequem in der Nähe befallener Lebensmittel oder Möbelstücke platzieren und schlüpfen innerhalb von drei Wochen. Bei der Anwendung ist jedoch entscheidend zu beachten, dass die Lebensdauer der Schlupfwespen (7 – 20 Tage) nicht an jene der gemeinen Lebensmittelmotten oder Kleidermotten (bis zu 3 Monate) heranreicht.

Bei entsprechend starkem Befall sind demnach direkt mehrere Kärtchen zu bestellen, die zumeist jedoch im nützlichen Vorteilspack angeboten werden. Trotz ihrer offensichtlichen Vorzüge scheuen einige Mitteleuropäer und insbesondere Deutsche dennoch noch immer davor zurück, Haushaltsschädlinge mit natürlichen Feinden zu bekämpfen, weil sie befürchten, damit lediglich ein Problem durch ein neues zu ersetzen. Bei der Anwendung der Schlupfwespen gegen Motten (gute Seite zum Thema) ist mit derartigen Schwierigkeiten aber nicht zu rechnen: Wenn die Wespen in ihrem Lebensraum keine weiteren Motteneier mehr okkupieren können, krabbeln sie ins Freie oder verenden und zerfallen zu Staub.

Tipps & Tricks

Zur Anwendungsdauer der Schlupfwespen gilt es die voneinander variierenden Lebenserwartungen der verschiedenen Mottenarten ergänzend zu erwähnen. So leben Kleidermotten im Durchschnitt etwa zwei Wochen länger als Lebensmittelmotten. Die Behandlung sollte bei Kleidermotten daher nach 15, bei Lebensmittelmotten nach zwölf Wochen erfolgreich abgeschlossen sein. Falls sich danach noch immer lebensfähige Motten in der Wohnung aufhalten, liegt das Problem wohl tiefer, was den Einsatz chemischer Biozide oder professioneller Kammerjäger zumeist unumgänglich werden lässt.

Da sich Schlupfwespen krabbelnd fortbewegen und sich somit überwiegend in Bodennähe aufhalten, sollte man während ihres Einsatzes und vor allem zu Beginn der Maßnahme aufs Staubsaugen verzichten. Darüber hinaus hat es sich als kontraproduktiv erwiesen, Schlupfwespen zeitgleich mit Pheromonfallen einzusetzen, um Motten im Haushalt zu bekämpfen. So erhöhen die darin enthaltenen Wirkstoffe die Fortpflanzungs-Frequenz der verbliebenen Motten nachhaltig und wirken somit den Aktivitäten der Schlupfwespen entgegen.

Zur erfolgreichen Behandlung mit Schlupfwespen werden durchschnittlich etwa 20000 Einzelexemplare benötigt, die sich auf 10 Kärtchen verteilen. Um die Motten zuverlässig aus dem gesamten Haushalt zu entfernen, ist somit mit Kosten von 70 – 100 Euro zu kalkulieren.

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